Zwischenbilanz zum Baufortschritt nach einem Jahr Trogbauarbeiten für den Tiefbahnhof

Gestern vor einem Jahr war der offizielle Baustart an den Trogbauarbeiten für den „Tiefbahnhof“ von Stuttgart 21.  Wir hatten über den Start der Bauarbeiten -die nicht mit einer offiziellen Feier, sondern lediglich mit einer Pressekonferenz begleitet wurden- und die Proteste berichtet. Bereits damals musste der Projekteiter von Züblin auf Nachfrage der Stuttgarter Nachrichten einen extremen Zeitdruck einräumen. Der Trogbau sei 2 1/2 Jahre im Verzug und nur unter Ausschöpfen aller eingebauten Zeitpuffer sei eine rechtzeitige Fertigstellung für die Inbetriebnahme von Stuttgart 21 zum Ende des Jahres 2021 noch machbar.  Ottmar Bögl stellte damals auf der Pressekonferenz ausführlich die für die nächsten zwei Jahre geplanten Arbeiten am  Startbaufeld 16 vor. Seinen Vortrag können Sie auf Flügel TV abrufen. Die Bauzeitenplänen für das Startbaufeld 16 sowie die anderen Baufelder 1, 22 und 25 sind auf der Seite des Kommunikationsbüros (hier) eingestellt.

Grund genug, nach einem Jahr eine Zwischenbilanz zu ziehen, selbst wenn der schleppende Baufortschritt auf der Trogbaustelle für aufmerksame Beobachter ohnehin erkennbar ist. Auch die Stuttgarter Nachrichten (hier) schrieben im Januar von Bauarbeiten „mit angezogener Handbremse“  und von einem „homöopathischen Baufortschritt“ beim Trogbau. Doch was hat sich seit dem letzten Jahr in den einzelnen Baufeldern getan?

Baufeld 16: Der Bauplan für das Startbaufeld 16 sah vor, dass bis Anfang August 2015 nach den erfolgten Aushub- und Gründungsarbeiten und dem Bau des Medienkanals im Bauschritt 13 die komplette Bodenplatte eingezogen ist:

Mitte/Ende Juli konnte man auf der Baustelle 16  erkennen, dass jetzt um die gesetzten Rammpfähle herum ausgebaggert wird. (Deutlich sichtbar sind die dunklen organischen Torf-Schichten, in denen im Juli die Steinzeit-Gräber gefunden wurden       ( StZ-Bericht). Diese Arbeiten sollten nach dem auf der Pressekonferenz präsentierten Zeitplan als Bauschritt 6 bis Mitte Februar 2015 fertig gestellt sein.

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Bereits nach einem Jahr Bauzeit besteht ein Zeitverzug von fast einem halben Jahr. Manfred Leger, der geschäftführende Vorstand der Stuttgart-Ulm GmbH, schob im April 2015 die Bauverzögerung im Interview mit der Stuttgarter Zeitung auf die Ende September 2014 genehmigte Planänderung zum Grundwassermanagement. Allerdings hatte die Baufirma Züblin laut den Stuttgarter Nachrichten  in ihrer Planung auch für den Fall vorgesorgt, dass die Genehmigung erst im Dezember 2014 vorgelegen hätte. Trotz der damals erkennbaren Bauverzögerung erklärte Manfred Leger im StZ-Interview „Warten Sie ab, wie schnell wir hier noch werden“: „In diesem Sommer werden wir das Betonieren der Bodenplatte erleben“ und „Und am Bahnhof können wir den Bau dadurch beschleunigen, dass wir nicht eine Kelchstütze nach der anderen errichten, wie es geplant war, sondern mehrere parallel“.

Auch nach dem Inteview und der zwischenzeitlich erfolgten Genehmigung des Brandschutzkonzeptes im April 2015 tat sich nicht allzu viel auf der Baustelle des Trogbaufeldes 16. Stattdessen wurde entgegen der von Züblin vorgestellten Planung auch das Baufeld 12 zwischen den beiden Fußgängerstegen ein paar Meter tief aushoben. Daher wird mittlerweile im Netz spekuliert, dass die Baufirma Züblin Probleme mit dem Untergrund bzw. der Verankerung der Rammpfähle im Baufeld 16 hat. Möglicherweise ist da etwas dran. Wir hatten im Beitrag „Gutachter prüft für das Eisenbahn-Bundesamt die Gründung des Tiefbahnhofes und die Auswirkungen für Nachbarbauwerke“ und „Netzwerk Kernerviertel bei einem Vor-Ort-Termin auf der Baustelle wegen Rammarbeiten“ über die Heterogenität des Untergrunds und den Schwierigkeiten beim rechnerischen Nachweis über die Standhaftigkeit der Rammpfähle berichtet.

Baufeld 1: Nach der Planung sollte das Baufeld 1 am Nordkopf hinter der ehemaligen Bahndirektion bis Mai 2015 ohne eine Gründung hergestellt und für den Tunnelbaubetrieb des PFA 1.5. Richtung Kriegsberg genutzt werden. Der Tunnelbaubetrieb ging jetzt drei Monate später als zum Trogbaustart geplant im Juli 2015 in Betrieb. Wegen Kauf und Abriss des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der IHK blieben der Bahn aufwendige Hebungsinjektionen und weitere Bauverzögerungen erspart.

Baufeld 22 / SSB: Die Bauarbeiten am Baufeld 22/Südkopf sollten nach Fertigstellung der Straßenbrücke entlang der B 14 im April 2015 starten. Die Straßenbrücke ist jetzt noch im Bau und die Trogbauarbeiten noch nicht begonnen. Die Fertigstellung des Trogblocks 22 ist Vorraussetzung für den Bau der neuen SSB-Haltstelle Staatsgalerie. Nach den auf der Anwohnerveranstaltung im Juni 2014 vorgestellten Zeitplänen der SSB sollte der Trogblock 22 bereits Ende 2014 fertiggestellt sein, damit 2015-16 die Bauarbeiten der SSB des ersten Abschnitts entlang der B14 zwischen Innenministerium und Gebhard-Müllerplatz erfolgen können. Über die komplexen Verflechtungen der SSB- mit den Bahnarbeiten und die Bauverzögerungen haben wir bereits berichtet. Vorgestern meldete die Esslinger Zeitung, dass es auch Verzögerungen bei der SSB bei der Verlegungen der Leitungen für Strom, Wasser und Telekommunikation gegeben hat und die Arbeiten statt im Juni erst Mitte August so weit sein werden.Allerdings sollten nach einem Bericht der Stuttgarter Nachrichten im März 2015  bereits mit der Herstellung der Sicherungswände für die 150 Meter lange Baugrube der späteren Haltestelle Staatsgalerie begonnen werden. Dafür sollen bis zu 23 Meter lange Bohrpfähle gesetzt werden.

Baufeld 25 / SSB: Der Baustart für das Baufeld 25 am Südkopf war nach der Fertigstellung des neuen SSB-Zugangs zur Haltsstelle Staatsgalerie für den April 2015 vorgesehen. Der Zugang ist auch nach über 8 Monaten noch im Bau; es fehlt noch die Treppe. Die Bahn kündigte in dem Ausschuss des Gemeinderates für Umwelt und Technik sowie im Bezirksbeirat Mitte den Bau einer 10 Meter hohen Lärmschutzwand für Herbst an. Seit Ferienbeginn laufen auf dem Gelände jedoch schon die ersten Setzungen der Bohrpfähle auf diesem Baufeld in unmittelbarer Nähe zu den Wohngebäuden.

Nesenbachdüker: Der Bau des Nesenbachdükers unter dem eigentlichen Bahnhofstrog wurde immer wieder seit 2010 angekündigt. Die Baufirma Züblin erwirkte eine Planänderung. Statt unter Druckluft soll jetzt ein  verkürzten Düker in offener Bauweise hergestellt und zum Teil unter Wasser betoniert werden. Das Eisenbahn-Bundesamt genehmigte die Planänderung trotz des Eingriffs in den öffentlichen Straßenraum im November 2014.  Dennoch starteten die ersten Bauarbeiten mit der Setzung von Bohrpfählen erst im Juni 2015. Seither ist der direkte Fußweg zwischen Kernerviertel und dem Hauptbahnhof gekappt.

Die Zwischenbilanz zeigt, dass bereits nach einem Jahr in allen Trogbau- und SSB-Baustellen rund um den Hauptbahnhof  Verzögerungen eingetreten sind. Ob diese beim Trogbau durch den parallelen Bau von Kelchen aufgefangen werden, wird sich noch zeigen. Das neben der Rampe kurz nach dem Planetarium aufgebaute Modell zeigt, dass die Herstellung der Kelche für den Trog komplex und aufwendig ist. Diese theoretisch noch letzten Zeitpuffer, die auch nicht unbegrenzt ausgeschöpft werden können,  sind jedoch nur bei den Baufeldern des eigentlichen Bahnhofs vorhanden. Nicht bei den Trogfeldern des Nord- und Südkopfes, des Nesenbachdükers und der SSB-Baumaßnahmen. Wenn es im Tempo des derzeitigen Baufortschritts weitergeht, können sich jedenfalls die Stuttgarter und besonders die von den Bauarbeiten betroffenen Anwohner des Kernerviertels sowie des Kriegsberges auf eine lange Bauzeit einstellen. Denn bis zur offiziell angestrebten Inbetriebnahme von Stuttgart 21 Ende 2021 stehen statt der ursprünglich geplanten  8,5 nur noch 6,5 Jahre zur Verfügung. Wir hatten darüber berichtet. Es wäre auch das erste Mal, dass bei Stuttgart 21 schneller als geplant gebaut wird.

Wir hatten bereits vor wenigen Wochen im Beitrag „Was läuft im Untergrund ? Zwischenbilanz zum Baufortschritt im Tunnelbau bei Stuttgart 21″ eine Zwischenbilanz bei den Tunnelarbeiten gezogen. Mag Manfred Leger als verantwortlicher Vorstand der DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH  in Interviews und auf den Anwohnerveranstaltungen noch gebetsmühlenhaft wiederholen, dass die Inbetriebnahme von Stuttgart 21 auch ohne den Filderbereich zum Ende des Jahres 2021 nicht gefährdet sei. Glaubhaft ist es angesichts des derzeitigen Baufortschritts jedenfalls nicht. Es wird sicherlich nur noch eine Frage der Zeit sein, bis weitere Verzögerungen und Kostensteigerungen bei Stuttgart 21 von der Bahn eingeräumt werden müssen. Die Anwohner im Kernerviertel werden aller Vorraussicht länger von den Baustellen betroffen sein, als die Bahn bekannt gibt.

Update 12.08.2015: Die Stuttgarter Zeitung hat heute ebenfalls über die Bauverzögerung am Trogbau berichtet und kommentiert. Die Links sowie unsere Anmerkungen finden Sie im aktuellen Beitrag: StZ: Bahn kämpft im S-21-Trog mit dem Zeitplan

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