Bahn antwortet auf Schreiben der Netzwerke wegen Masse-Feder-Systemen

Ende März hatten sich die Netzwerk 21 in einem Brief an den S21-Chef Manfred Leger wegen dem geplanten Einbau von Masse-Feder-Systemen gewandt. Anlass war die europaweite Ausschreibung der bahntechnische Innenausstattung der Tunnel für Stuttgart 21. Mitte Mai hat die neue Referentin Bauinfo der Projektgesellschaft, Sarah Rögele, den Netzwerken auf das Schreiben geantwortet. Lesen Sie hier. Etwas verspätet möchten wir über diese Antwort berichten, die mit Blick auf die geforderte Transparenz und die Abschätzung der erforderlichen Schutzmaßnahmen gegen Erschütterungen und sekundären Luftschall, erst einmal nicht befriedigend war.

Übersichtliche Karten, aus denen erkennbar ist, unter welchen Gebäuden Masse-Feder-Systeme vorgesehen sind, will die Projektgesellschaft nicht bereitstellen. Stattdessen werden die Betroffenen auf die Gutachten und die Übersichtspläne in den Planfeststellungsunterlagen verwiesen. Zwar sind die kurzen Tunnelabschnitte, in denen Masse-Feder-Systeme nach der Planfeststellung eingebaut werden sollen, mit Streckenangaben in den Bescheiden enthalten. Doch es ist für Anwohner kaum zumutbar, die komplexen Meterangaben in die im Netz schwer auffindbaren Übersichtspläne zu übertragen. Zumal auch die Meterangaben zwischen der Planfeststellung und der Ausschreibung nicht ganz identisch sind. Man kann den Betroffenen daher nur empfehlen, sich an die Bauinfo zu wenden, falls sie sich über die geplanten Schutzmaßnahmen  unter ihrem Haus informieren möchten.

Die Bahn verweist auf sogenannte Admitanzmessungen, die nach Fertigstellung der Rohbauarbeiten und vor dem Innenausbau Messungen an ausgewählten Prognosepunkten mit geeigneter Fremdanregung durchgeführt werden sollen. Welche anerkannte Messstelle damit beauftragt wird, steht noch nicht fest. Diese wird auch die jeweiligen Prognosepunkte aussuchen. Die Projektgesellschaft schließt zumindest von der Formulierung her nicht aus, dass langjährige Gutachter Dipl.-Physiker Peter Fritz diese Messungen durchführt und dabei seine eigenen Prognosen aus der Planfeststellung überprüft. Allerdings ist das Vertrauen vieler Anwohner in die Berechnungen des Gutachters begrenzt. Zu oft musste beim Schallschutz für Stuttgart 21 nachgebessert werden. Die Netzwerke 21 hatten auf den Interessenkonflikt hingewiesen, dem er als längjähriger Gutachter und Immissionsschutzbeauftragter unterliegt und 2015 seine Ablösung gefordert.

Die Bahn geht auch davon aus, dass weitere Masse-Federsysteme über die in der Planfeststellung enthaltenen kurzen Strecken hinaus nicht erforderlich sind. Auch nicht für die Tunnelabschnitte, bei denen die Sprengungen deutlich spürbar waren. Diese wären nicht mit Erschütterungen aus dem Bahnbetrieb vergleichbar; zumal dann auch die Innenschalen eingebaut sei. Inwieweit eine Nachrüstung in den hergestellten Tunnelquerschnitten möglich ist, bleibt vage („Wenn dies wider Erwarten erforderlich werden sollte, ist hierfür eine entsprechende Planung erforderlich, die die gegebenen Randbedingungen berücksichtigen wird.“) Dass die in der Planfeststellung geplante  Vordimensionierung des geplanten Masse-Feder-Systems auf eventuell unsicheren Annahmen hinsichtlich Boden und Tunnel beruhen könnte, bleibt unberücksichtigt.

Bei der Ausschreibung auch nicht berücksichtigt wurde das Mischgebiet hinter dem Sportplatz am Untertürkheimer Bruckwiesenweg, bei dem die Häuser extrem niedrig, teilweise nur 10 Meter bis zum Tunnelfirst, untertunnelt werden. Laut Planfeststellung ist dort trotz dieser knappen Unterfahrung kein Masse-Feder-System vorgesehen. Das leichte Masse-Feder-System soll lediglich bis zum Sportplatz eingesetzt werden. Allerdings versprach S21-Chef Manfred Leger in der Infoveranstaltung vom Mai 2016, dass er der Sache nachgeht und die Bürger (u.a. neben Industrie auch Wohngebäude und eine erschütterungsempfindliche Druckerei) „nicht im Regen stehen lässt“. Nach den Ausschreibungsunterlagen wären sie trotz dieser Beteuerung ungeschützt den Erschütterungen des Bahnbetriebs ausgesetzt.

Wie umfangreich das Messprogramm bei einem anderen Bahntunnel, dem badischen Katzenbergtunnel war, der lediglich auf 500 Meter Länge ein Wohngebiet unterfährt, kann man hier nachlesen. In Stuttgart sind hingegen auf den 59 Tunnelkilometern ein Vielzahl von Wohngebieten betroffen. Für die vier innerstädtischen Tunnel mit ca. 46,3 Kilometer Länge sind auf insgesamt 6,3 km (=13,6%)  der Einbau von leichten Masse-Feder-Systemen vorgesehen. Im Bad Cannstatter und Feuerbacher Tunnel sind auf insgesamt 12,71 km Tunnel für ca. 3,1 km ein leichtes Masse-Feder-System ausgeschrieben, im Tunnel Ober-/Untertürkheim und Fildertunnel bei einer Gesamtlänge von 33,62 km lediglich 3,2 km. Masse-Feder-Systeme sind laut den Planfeststllungsbeschlüssen nur entlang von wenigen Straßen vorgesehen:

  • PFB 1.2.: Sänger-., Urban- und Schützenstr., Fasanenhof
  • PFB 1.5. : Jäger-, Birkenwald-, Panorama-, Mönchhalden- und Rosensteinstr., UFA-Palast, Feuerbach
  • PFB 1.6 a: Abzweig Wangen (Im Degen, Nähterstr.), Obertürkheimer Kurve (Lindenschul- und Postwiesenstr.), Untertürkheimer Kurve (Mercedesstr.)

Allerdings dürfen sich Anwohner nicht die Hoffnung machen, dass durch Masse-Feder-Systeme die Immissionen des Bahnbetriebs nicht spürbar sein werden. Laut dem Gutachter und Immissionsschutzbeauftragten Peter Fritz auf der Untertürkheimer Infoveranstaltung wird der Lärm im Bahnbetrieb tagsüber im Grenzbereich sein, nachts auch mit Masse-Feder-System das Geräusch von 30 dbA erreichen. Das ist der zulässige Bereich, aber deutlich wahrnehmbar. Auch der Einbau von Masse-Feder-Systemen kann nur in begrenztem Maß die Erschütterungen durch den Bahnverkehr unter den Häusern mindern. Im Prozess gegen den Planfeststellungsbeschluss zu PFA 1.2 2006 vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim hatte der Gutachter der Projektgesellschaft den Klägern bescheinigt, dass sie dennoch jeden passierenden Zug unter ihrem Haus im Kernerviertel spüren werden, jedoch nur in „zumutbarem Umfang“.

Das geplante, leichte Masse-Feder-System, das in die festen Fahrbahnen eingebaut werden soll, sieht laut der Präsentation vom Mai 2016 in Untertürkheim so aus:

Wer sich allgemein für die technischen Parameter und Berechnungen von Masse-Feder-Systemen interessiert, findet hier nähere Informationen.

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