Déjà-vus, Nebelkerzen und unbeantwortete Fragen – zur Informationsveranstaltung für die Anwohner des Kernerviertels

Letzten Mittwoch fand die Informationsveranstaltung für die Anwohner des Kernerviertels vor mehr als 200 Zuhörern im großen Saal des Rathauses  statt, zu der die Bürgerbeauftragte Alice Kaiser und Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart Mitte, eingeladen hatten. Die Stuttgarter Zeitung (hier) berichtete darüber.

Das Netzwerk Kernerviertel hatte der Bürgerbeauftragten im Vorfeld der Veranstaltung empfohlen, dass nur die Bauarbeiten des nächsten Jahres vorgestellt werden. Damit sollte mehr Zeit für Fragen übrig bleiben. Da die Bahn mit ihren Baumaßnahmen sowohl im Trog- als auch im Tunnelbau um mehr als ein Jahr hinterherhinkt und die SSB-Arbeiten vom Baufortschritt der Bahn abhängig sind, wurden ausschließlich Baumaßnahmen vorgestellt, die bereits schon bei den letzten Veranstaltungen im April und  Juni 2014 angekündigt waren. Daher bietete die Veranstaltung für viele Anwohner des Kernerviertels sicherlich ein Déjà-vu-Erlebnis. Erneut waren sämtliche Ton- und Bildaufnahmen untersagt. Die auf der Veranstaltung präsentierten Folien sind im Internet (Tiefbahnhof / Fildertunnel / SSB) abrufbar. Wir möchten einen Überblick über die auf der Veranstaltung vorgestellten Baumaßnahmen geben:

SSB-Bauarbeiten zur Verlegung der Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie:

Bauarbeiten der Bahn für den „Tiefbahnhof“-Trog und Nesenbachdüker:

  • Nach dem auf der Veranstaltung im Juni 2014 präsentierten Zeitplan sollten die Hauptbaumaßnahmen an den Trogbaufeldern 22 und 25  im September  bzw. Oktober 2014 starten. Auch hier ist die Bahn im Verzug.
  • Zur Zeit wird am Trogblock 22 gearbeitet. Dieser soll bis Ende des Jahres 2015 fertig gestellt werden, so lautete zumindest die Information der SSB auf der Veranstaltung. In der Präsentation des Bahnvertreters für den PFA 1.1., fehlte dieses Trogbaufeld, das vom Kernerviertel nur durch die B14 getrennt ist.
  • Wegen der Bauarbeiten für den Trogblock werden im Laufe diesen Jahres die Laufwege zwischen dem Kernerviertel und dem Hauptbahnhof mit Umwegen verbunden sein. Wir haben bereits darüber berichtet. Ab 2016 werden dann noch weitere Einschränkungen auf die Anwohner zukommen.
  • Nachdem die Spindel, der Zugang zur Haltsstelle Staatsgalerie, abgerissen sein wird, werden die Bauarbeiten für am Trogblock 25 in unmittelbarer Nähe zu den Wohnhäusern an der Sängerstraße anlaufen. Die Bahn will bis Ende 2015 das Baufeld 25 ausheben, die Bohrpfahlwände und die Gründungspfähle setzen sowie die Bodenplatte betonieren. In einem Nebensatz wurde erwähnt, dass jetzt auch im Baufeld 25 Rammpfähle gesetzt werden sollen.
  • Über die prognostizierten Erschütterungen bei Setzen der Rammpfähle für die nahelegenen Gebäude des Kernerviertels verlor weder der Bahnvertreter für den PFA 1.1. noch der anwesende Immissionsschutzbeauftragte Peter Fritz kein einziges Wort. Stattdessen wurde nur die Mechanik der Rammpfahlsetzung erläutert.
  • Auf Nachfrage erklärte der Bahnvertreter für den PFA 1.1. , dass die Bauarbeiten für den Nesenbachdüker in diesem Jahr mit dem Aushub und Verbau starten sollen. Der Bau des Nesenbachdükers ist bekanntermaßen seit Jahren angekündigt worden. Nach dem Zeitplan der letzten Informationsveranstaltung vom Juni 2014 sollten die Bauarbeiten bereits im Juli 2014 losgehen.
  • Erst auf Nachfrage von Hans-Jörg Jäckel (Nordlichter), warum die Baustraße C entgegen den offiziellen Aussagen auf der Veranstaltung weiterhin noch nicht durchgängig befahrbar sei, musste die Bahn einräumen, dass kurz nach der Inbetriebnahme der Straße auf Höhe der Wolframstraße ein 7 Meter tiefer Hohlraum angetroffen wurde. Dieser müsse jetzt erst einmal verfüllt werden.

Tunnelvortriebsarbeiten:

  •  Derzeit wird noch der letzte Abschnitt der 230 Meter langen Rettungszufahrt verschalt. Nach dem auf der Informationsveranstaltung im November 2013 präsentierten Zeitplan für 2014 hatte die Bahn für die Herstellung des Verzweigungsbauwerkes ein 3/4 Jahr angesetzt (4.Quartal 2013 bis Ende 2.Quartal 2014). Jetzt werden die Vortriebsarbeiten voraussichtlich nach rund 1,5 Jahren, also der doppelten Zeitdauer, abgeschlossen sein.
  • Anschließend starten die Bauarbeiten am Verzweigungsbauwerk (Folie) unterhalb der Jugendherberge, die bis Ende des Jahres 2015 abgeschlossen sein werden. Dafür sind auch wieder Lockerungssprengungen erforderlich.
  • Ab dem 4.Quartal 2015 soll der eigentliche Tunnelvortrieb Richtung Wendekaverne und Richtung Wangen starten.
  • Die noch in der Informationsveranstaltung im November 2013 noch für 2015 vorgesehenen Hebungsinjektionen in der Urban-/Sängerstraße sollen in 2016, wenn der Tunnelvortrieb vom Verzweigungsbauwerk Richtung Hauptbahnhof läuft,  durchgeführt werden. Die DB Projekt will auf die betroffenen Eigentümer zugehen.
  • Damit das seit Juli 2014 aufgebaute Förderband an der Rettungszufahrt in Betrieb genommen werden kann, soll ein Steinbrecher eingesetzt werden, der jedoch noch immissionsrechtlich (Folie) beurteilt werden muss. Das Förderband ist auf Steinbrocken bis maximal einer Seitenlänge von 30 cm ausgelegt. Der Testbetrieb im Januar, der einen Linienschalleistung von 76 dB(A) ergab, wurde jedoch mit feinem Aushubmaterial gemacht. Auf die Nachfrage des Netzwerks Kernerviertel nach dem Material, mit die Einhausung des Förderbandes ggf. isoliert ist, konnten die Bahnvertreter keine Antwort geben.
  • Die Lärmbelästigung durch Pipser beim Rückwärtsfahren war ebenfalls ein Thema. Nach Aussage der Bahnvertreter sei dies bei einigen Baumaschinen unumgänglich. Die SÖS-Bezirksbeirätin Ritta Krattenmacher bot der Bahn einen Termin an, in dem dies geklärt wird. nach Recherchen ihrer Fraktion seien akustische Warntöne nicht verpflichtend.

Die Kurzvorträge der Vertreter der SSB und der Bahn beschränkten sich im Wesentlichen auf die Darstellung der Baumaßnahmen. Zahlreiche Fragen aus der Frageliste des Netzwerks Kernerviertel zu den damit verbundenen Beeinträchtigungen, die im Vorfeld der Veranstaltung an die Bürgerbeauftragte und die Bahn ging, wurden bei den Präsentationen nicht berücksichtigt. Sie blieben auch bis zum Schluss unbeantwortet, als Alice Kaiser die Veranstaltung wie angekündigt um Punkt 21 Uhr 30 beendete. Einen Überblick über die beantworteten bzw. nicht beantworteten Fragen des Netzwerks Kernerviertel finden Sie hier. Insbesondere Antworten auf wichtige Fragen zum Gesamtzeitrahmen von Stuttgart 21, zu den in der Presse angekündigten verstärkten Baumaßnahmen zur Einholung des Zeitverzugs, zu möglichen Sonn- und Feiertagsarbeiten, zum Zeitrahmen und Auswirkungen der Rammarbeiten auf das Kernerviertel, zu den durch die Bauarbeiten zu erwartenden Lärmbelastungen und zum Umfang  des Lkw-Baustellenverkehrs blieben die Vertreter der Bahn schuldig.

Bei einzelnen Themen setzte die Bahn auch gezielt „Nebelkerzen“ ein. So erklärte beispielsweise Peter Fritz, der unabhängige Immissionsschutzbeauftragte und langjährige Gutachter der Bahn, anhand eines Schaubildes für den Messpunkt Sängerstraße 6, dass der prognostizierte Lärmpegel von 80 dB(A) bei den Messungen  unterschritten wurde. Er erwähnte allerdings nicht, dass dieser hohe Lärmpegel nur für das Bauszenario errechnet wurde, wenn unmittelbar neben dem Haus die lauten Gründungsarbeiten für das Trogbaufeld 25 erfolgen. Und nicht für die derzeit anlaufenden Bauarbeiten der SSB und am deutlich weiter entfernten Trogbaufeld 22. Hier wurden also Äpfel mit Birnen verglichen.

Noch ein Beispiel: Auf der Veranstaltung wurde neben eine Folie über den aktuellen Stand über die Umsetzung der passiven Lärmschutzmaßnahmen präsentiert. Nachdem in den letzten Veranstaltungen jeweils die Gesamtzahl von 155 Berechtigten für den passiven Schallschutz genannt wurde, war auf der Folie (hier) überraschenderweise nur noch von 98 die Rede. Die Nachfrage des Netzwerks nach der hohen Diskrepanz und die Übergabe der letzten Bahn-Statistik verursachte einige Unruhe auf dem Podium. Dann kam schließlich die merkwürdige Begründung, die Kenngröße wäre von Eigentümern auf Wohneinheiten umgestellt. Dies ist nicht zutreffend. In einer Folie des Immisionsschutzbeauftragten vom März 2014 war ebenfalls von 155 Nutzungs- bzw. Wohneinheiten die Rede. Das Netzwerk wird zu dieser Differenz, die ohne die immer noch nicht veröffentlichten Gutachten zum passiven Schallschutz nicht nachvollziehbar ist, nachhaken.

Jedenfalls war an diesem Abend von der Transparenzoffensive, die Georg Brunnhuber – Vorsitzender des Vereins Stuttgart-Ulm e.V.-  vollmundig in Interviews angekündigt hatte, bei zentralen Fragen der Anwohner leider nicht all zuviel zu bemerken.

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