Sprengvortrieb unter der Gänsheide und dritte Neckarunterfahrung / SÖS-Linke-Plus-Fraktion hakt wegen Tunnelbaurisiken im Neckarkies nach

Die DB Projekt Stuttgart Ulm-GmbH (PSU) hat auf ihrer Webseite am Freitag eine Pressemitteilung (hier) zu den Vortrieben des Obertürkheimer Tunnels veröffentlicht.

Danach ist seit einigen Tagen unterhalb der Gänsheide der Sprengvortrieb angelaufen und zwar für den rund ein Kilometer langen innerstädtischen Abschnitt der Oströhre des Obertürkheimer Tunnels zwischen dem Straußweg und dem Verzweigungsbauwerk Süd unter der Haußmannstraße. Die geplante Strecke ist in der Grafik der PSU weiß eingezeichnet. Wir haben den aktuellen Vortriebsbereich orange umrandet:

Anders als bei der Weströhre wird dieser Abschnitt nicht von der Innenstadt aus aufgefahren, sondern in umgekehrter Richtung über die vom Zwischenangriff Wangen aus bereits gegrabene Oströhre. In der Pressemitteilung ist ein Zeitplan genannt: „Die Vortriebsmannschaft der Arge Atcost 21 wird das Verzweigungsbauwerk am Südkopf des zukünftigen Stuttgarter Hauptbahnhofs voraussichtlich im Frühjahr 2018 erreichen.“ 

Das Kernerviertel und die Innenstadt wird damit vom Abtransport des Aushubs einschließlich der Staubwolken wegen der trockenen Sprengungen im anhydrithaltigen Gestein und der höheren Lüfterleistung zumindest für diesen Tunnelabschnitt entlastet. Aktuell läuft über die Rettungszufahrt Süd neben dem Wagenburgtunnel nur der Tunnelvortrieb des Fildertunnels unter der Gerokstraße für den Bau der fabrikhallengroßen Wendekaverne. Dafür müssen jedoch die Anwohner in Wangen mit einem längeren Zeitraum für den Betrieb des Zwischenangriffs Wangen und den davon ausgehenden Beeinträchtigungen rechnen.

Die Sprengungen zum Bau des Obertürkheimer Tunnels finden in mehr als hundert Meter Tiefe statt. In der Pressemitteilung heißt es dazu:  „Die Lockerungssprengungen erfolgen in einer Tiefe zwischen 100 und 120 Metern. Sprenggeräusche können trotz der großen Überdeckung in Form eines mehrere Sekunden andauernden, dumpfen Grollens in einer Entfernung von bis zu 300 Metern wahrgenommen werden. Die Arbeiten, die rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche stattfinden, werden vom Landesbergamt Baden-Württemberg überwacht.“

Beim Bau der ersten Röhre berichteten Anwohner jedoch von deutlich merklichen Erschütterungen. Im Sinne der Planfeststellung werden jedoch die Erschütterungen durch den Sprengvortrieb nur dann als „Beeinträchtigung“ angesehen, soweit sie bestimmte Anhaltswerte der DIN 4150 überschreiten würden (Auszug aus dem Planfeststellungsbescheid des PFA 1.6a S.37.)  Zur Einhaltung dieser Anhaltswerte als Grenzwerte ist jedoch die Bahn auch nach Einschätzung des Verwaltungsgerichtshofs Mannheim laut dem Planfeststellungsbescheid verpflichtet. Entlang der Tunnelstrecken hat die Bahn zahlreiche Messgeräte in den Wohnhäusern des Gebiets installiert. Hier eine Folie aus der Präsentation der Infoveranstaltung vom Juni 2016 über das Gebiet auf der Gänsheide/ Uhlandshöhe, das neben dem vorhandenen Wagenburgtunnel von vier S21-Tunnelröhren unterfahren werden soll:

Das Donnergrollen, d.h. der baubedingte sekundäre Luftschall stellt jedoch offiziell keine Beeinträchtigung der Anwohner dar, da man sich im Rahmen der Planfeststellung damit nicht befasst hatte.

Darüberhinaus wird in der Pressemeldung der Vortrieb zum Bau der dritten Neckarunterfahrung angekündigt, sobald die Oströhre unter Gablenberg aufgefahren ist: „Entsprechend der logistischen Kapazität des Zwischenangriffs Ulmer Straße in Stuttgart-Wangen, über den das Ausbruchmaterial abtransportiert wird, arbeiten im Tunnel Ober-/Untertürkheim insgesamt drei Vortriebsmannschaften gleichzeitig. In wenigen Tagen wird der Abschnitt zwischen der Ulmer Straße in Wangen und dem sogenannten Verbindungsbauwerk 3 unter dem Stadtteil Gablenberg aufgefahren sein. Nach einigen Tagen zur Vorbereitung beginnt dann die dritte von vier Neckarunterfahrungen. Diese Gleisröhre in Richtung Untertürkheim wird nach der jetzigen Planung vor Weihnachten das rechte Neckarufer erreicht haben.

Den aktuellen Vortriebsstand des Obertürkheimer Tunnels zum 11.September ab Gablenberg zeigt die folgende Grafik der PSU:

Allerdings ist in dieser Pressemitteilung vom dritten Vortrieb hinter dem Untertürkheimer Lindenschulviertel und dessen Zeitplan keine Rede. Wie auch in unserem letzten Beitrag zum Vortriebsstand berichtet, ruht nach einem Wassereinbruch seit einem Jahr der Vortrieb der Weströhre auf Höhe des Untertürkheimer Sportplatzes. Der Vortrieb der Oströhre kam in den letzten Monaten wegen der schwierigen Geologie nur sehr schleppend voran und müsste ca. 100 Meter vor der Ortsbrust der Weströhre entfernt sein.

Wegen den Risiken des Tunnelvortriebs im Neckarkies hakte letzte Woche die Gemeinderatsfraktion der SÖS-Linke-Plus in einem Antrag an die Stadt nach. Lesen Sie hier. Zur Begründung heißt es darin u.a. „Nach der Tunnelhavarie in Rastatt stellen sich mehrere Fragen zu Risiken beim Tunnelbau auch bei Stuttgart 21. In der Nähe des Neckars ist die Vergleichbarkeit des Untergrundes zwischen Rastatt und Stuttgart durchaus gegeben. Im Bescheid zur Änderung des Planfeststellungsbeschlusses für den Bauabschnitt 1.6a vom 3. Juli 2017 schreibt das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) auf Seite 15 von „hochdurchlässigen Neckarkiesen“, was den Schluss zulässt, dass es sich hier um einen ähnlich fragilen Untergrund handelt wie in Rastatt. Für den fragilen Untergrund spricht auch, dass die Häuser in Untertürkheim auf Höhe des Ölhafens auf Betonpfählen gegründet wurden.“

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