Vier Jahre nach Baustart: Restkelch als erster Teil vom Schalendach des Tiefbahnhofs betoniert. Wie realistisch war der damalige Zeitplan von Züblin?

Update 06.08.2018: Am 5.August 2014 wurde auf einer Pressekonferenz der Start der Tiefbauarbeiten für den neuen Bahnhof verkündet. Jetzt, vier Jahre später, wurde Ende Juli ein erster Restkelch betoniert, der in diesem Foto als – vom Bahnhofsturm abgeschattete- weiße, halbkreisförmige Fläche erkennbar ist:

Die DB Projekt Stuttgart-Ulm Gmbh (PSU) hat über die „Betonage des ersten Dachteils“ eine Pressemiteilung herausgegeben (hier) und einen Film in ihrer Mediathek (hier) eingestellt. Hier Scan aus dem Video mit einem Ausschnitt aus dem Bauplan der Kelchstützen und farbig markiert der erste betonierte Restkelch:

Ingesamt sollen 28 Kelchstützen mit Lichtaugen hergestellt werden. Die Restkelche zählen nicht dazu. Der Restkelch hat keinen Kelchfuß und kein Lichtauge und ist auch nur an die Wand ‚geklebt‘. Die StZ (hier) schreibt zur Kontruktion der Restkelche: „Auch wenn diese nur die Andeutung einer weiteren Stütze sind, ist der Aufbau komplex. Auf eigens auf Maß gefertigten Schalelementen sind Baustahlstreben verlegt. Die bis zu 32 Millimeter starken Eisenstäbe bringen zusammen 167 Tonnen auf die Waage. Bis zu zwölf Fachmänner aus der Türkei gleichzeitig haben das Stahlgeflecht in Position gebracht.“

Nach der Pressemitteilung soll die erste richtige Kelchstütze im Startbaufeld 16, deren Schalungsgerüst seit Dezember 2017 aufgebaut ist,  im Laufe des Sommers betoniert werden. Dies hatte Abschnittsleiter Michael Pradel Anfang Juni auf der Anwohnerveranstaltung im Rathaus auch erläutert. Die erneute Verzögerung würde, so Pradel, an den noch zu vergebenden Spezial-Schweißerarbeiten für die Lichtaugen liegen. Für 2018 sei geplant einen Randkelch fertigzustellen, 2019 dann die zweite Kelchstütze. Fünf Kelchstützen sollen in den beiden Bauabschnitte 16 und 17 entstehen. Zu berücksichtigen sind auch die Zeiten für die Schwindgassen zwischen den Kelchstützen. Die Fertigstellung dieser beiden ersten Bauabschnitte der neuen Bahnsteighalle sei daher erst für 2020 vorgesehen. 2022 soll der Rohbau des „Tiefbahnhofs“ fertig sein.

Wir hatten in unserem Beitrag vom Dezember 2017  „Eidechsen und Käfer sind schuld am Bauverzug des Tiefbahnhofs? Ein Rückblick auf den Baufortschritt seit 2012″ über die Verzögerungen beim Bau des „Tiefbahnhofs“ berichtet. Im Rückblick war auch der von der Baufirma Züblin auf der Pressekonferenz zum Baustart im August 2014 vorgestellte Zeitplan (Video / Präsentation) unrealistisch. Danach sollte die Betonage des ersten Restkelchs im Sommer 2015 erfolgen:

Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz im August 2014 bestanden nicht nur offene Punkte beim Brandschutz, sondern es mussten zentrale Fragen für den Bau der bis zu dreizehn Meter hohen Lichtkelche mit ihren geschwungenen Formen und Durchmessern bis zu 32 Meter erst noch geklärt werden:

  • Ausführungsplanung: Die Bauarbeiten bzw. die der einzelnen Bauschritte mussten erst noch vom Eisenbahn-Bundesamt auf Basis einer Ausführungsplanung freigegeben werden. Unter anderem waren wegen der der komplexen Statik des „Tiefbahnhofs“, der starken Heterogenität des Untergrundes und der damit verbundene Problematik für die Gründung weitere, umfangreichere geotechnische Nachweise erforderlich, über die ein Prüfer in einem Vortrag an der Universität Stuttgart (hier) berichtete.
  • Spezialbeton: Erst im September 2015 wurde ein Achtel einer Kelchkonstruktion als Musterstütze erstellt und vom Architekten Christoph Ingenhoven begutachtet, über die die beiden Stuttgarter Zeitungen (StN) (StZ 1 / StZ 2) ausführlich berichteten. Bei dem Test ging es um  sowohl um die Oberflächengüte und Farbe als auch um die Brandfestigkeit des speziellen Weißbetons. Projektchef Manfred Leger wertete diesen Schritt als „Riesen-Meilenstein“. In Sachen Brandfestigkeit erfolgten anschließend noch Realtests, bei denen der Beton binnen fünf Minuten auf 1200 Grad erhitzt wurde und dieser Temperatur eine Stunde lang Stand halten musste. Das Projektmagazin der PSU berichtete über die Bemusterung der Kelchstütze im Dezember 2015 ab Seite 18 (hier) und über den Spezialbeton im November 2017 ab Seite 20 (hier).
  • Spezialverschalung und -gerüst: Die aufwendige Verschalung zur Betonierung der Kelchstützen musste erst noch vergeben, entwickelt und hergestellt werden. Darüber berichtete die StZ ( hier) im April 2017 und das Projektmagazin der PSU im Juli 2017 ab Seite 4 (hier). Die Verschalung soll die Betonierung mit glatter Oberfläche porenfrei gewährleisten. Auch das Verschalungsgerüst musste speziell für den Bau der Kelchstützen konstruiert werden. Mehr dazu findet man auf der Webseite der Herstellerfirma  (hier).
  • Spezialbewehrung: Die komplexe Bewehrung der Kelchstützen musste mit exakt vorgegebenen Krümmungen von einer Denkendorfer Firma produziert werden. Der Schwarzwälder Bote (hier) berichtete im Juli 2018 darüber.
  • Lichtaugen: wie bereits erwähnt, sind die zu vergebenden, speziellen Schweißerarbeiten für die über den Kelchstützen liegenden Lichtaugen laut Abschnittsleiter Michael Pradel der Grund dafür, dass sich die Betonagearbeiten weiter verzögern. Kontext (hier) berichtete jedoch Ende Juli 2018, dass die Ingenieure 22 vemuten, dass es bislang noch keine Ausführungsplanung für die Lichtaugen gibt. Aufgefallen sei dies den Projektkritikern, da auf den Schnittzeichnungen der Lichtaugen zahlreiche Vermerke wie „nur nachrichtlich / Planung und Koordination noch ausstehend“ zu finden sind. Die Lichtaugen mit ihren Öffnungen, aus denen der Rauch im Brandfall entweichen soll,  sind ein zentrales Element des Brandschutzkonzepts für Stuttgart 21.

Die Vorgehensweise ähnelt mehr einem baubegleitendem Entwicklungslabor für den neuen „Luxusbahnhof“ (Zitat Projektchef Manfred Leger) als einer Baustelle. Daher war ein Jahr nach dem Baustart die Fertigstellung der ersten Kelchstütze nicht im entferntesten realistisch. Die Pressekonferenz reiht sich in eine Vielzahl von Ankündigungen über anstehende Bauarbeiten von Stuttgart 21 ein, die die Öffentlichkeit über den zeitlichen Umfang des Projekts desinformierten. Wir möchten nur an die Ankündigung des damaligen Technikvorstands Volker Kefer vor dem Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages im Mai 2015 erinnern, dass der Tunnelrohbau 2019 fertig gestellt sein werde. Mittlerweile wurde der offizielle Inbetriebnahmetermin von Stuttgart 21 von 2021 auf Ende 2025 verschoben. Es ist im Interesse der Steuerzahler und vom Baubetrieb beeinträchtigten Stuttgarter einzufordern, dass die jetzt präsentierten Zeitpläne realistisch sind und auch eingehalten werden.

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