Frankfurter Rundschau: Super-Vorstand geht, Probleme bleiben


Gestern haben wir vom „Fehler im System“ in der der Aussagefähigkeit der Gutachten bei Stuttgart 21 berichtet. Einen interessanten Blick auf die Folgen des Ausscheidens von Volker Kefer als Bahnvorstand hat die Frankfurter Rundschau in ihren gestrigen Beitrag „Super-Vorstand geht, Probleme bleiben“ geworfen. Die FR zitiert Bahn-Insider, die allein durch den Weggang des Bahnmangers von höheren Kosten und einer späteren Fertigstellung für Stuttgart 21 ausgehen, weil der Nachfolger die Risiken bei Stuttgart 21 auch zu seinem eigenen Schutz neu bewerten wird. Risiken unter 50%  mussten nach den Vorgaben nicht dem Aufsichtsrat angezeigt werden. Die FR schreibt dazu:

„Der Aufsichtsrat befinde sich nach dem in offizieller Lesart freiwilligen Rückzug Kefers in einer sehr komfortablen Lage, so der Kenner. „Die schlechte Botschaft, dass Stuttgart 21 signifikant teurer wird, ist raus, was im Prinzip eh schon alle wussten. Der Aufsichtsrat kann sich jetzt empören, aber Konsequenzen daraus entstehen für ihn nicht.“ Schließlich habe man mit der Bahn vereinbart, bei Stuttgart 21 im Drei-Monats-Rhythmus nur die Kostenrisiken anzuzeigen, die mit mehr als 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit eintreffen werden. „Kefer hat sich daran gehalten“, sagt der Insider. „Man könnte das Stuttgart-Debakel deshalb auch anders bewerten: Der Aufsichtsrat wollte gar nicht alles wissen.“ Diese Zeiten dürften mit dem Ende der Kefer-Ära vorbei sein. Dieses Risiko wird der Kefer-Nachfolger mit Sicherheit nicht eigehen.“

Laut der Webseite der DB Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm GmbH arbeiten mittlerweile 20 Mitarbeiter im Chancen-Risiko-Management. Daher dürfte die aktuelle Risikoliste bei Stuttgart 21 als Großprojekt deutlich mehr Risiken enthalten als die mittlerweile veröffentlichte „Hany-Azer-Risiko-Liste“ aus dem Jahr 2011. Diese Liste war zuvor durch die Reportage von Arno Luik im Stern und in weiten Teilen 2013 durch die Ingenieure 22 (Abschrift / Bewertung / Video Pressekonferenz) an die Öffentlichkeit gekommen. Gerüchten zufolge enthält die aktuelle, unter Verschluss stehende Risikoliste der Projektgesellschaft bis zu 1.700 Risiken. Eine Neubewertung der Risiken könnte sich in der Tat als zusätzlicher Preistreiber bei Stuttgart 21 erweisen.

Die Erfahrung beim Bau des Projekts Stuttgart zeigt, dass die Kostensteigerungen auch aus zu niedrig oder gar nicht bewerteter Risiken resultieren. Beispielsweise war noch in der Azer-Liste von 2011 das Risiko beim Bau von 15 Kilometern Tunnel im tückischen, quellfähigen Anhydrit mit Null Euro angesetzt. Ein Risiko, vor dem die Kritiker immer wieder gewarnt hatten. So heißt es auf Seite 20 der Liste„Erschwernisse beim Anhydrit: Risiko über das Baugrundrisiko hinaus, daß vereinbarte Maßnahmen nicht ausreichend greifen. Gefahrenpotential da nicht erkennbar ist, wo Erschwernisse auftreten auf welcher Länge und die Lage im Querschnitt. Gefahr vor allen Dingen bei Kontakt des Anhydrits mit Wasser.“ Jetzt zeigt es sich. Allein durch die zusätzlich erforderliche Sicherungstechnik beim Bau im Anhydrit im Feuerbacher- und Cannstatter Tunnel, über die wir in zwei Beiträgen (Beitrag 1/ Beitrag 2) berichtet hatten, musste die Bahn 144 Millionen Mehrkosten einräumen.

Fazit: Der Vertrag von Bahnvorstand Volker Kefer läuft offiziell noch bis September 2017. Nach der Meldung der FR wird sich erst ein Nachfolger an die Offenlegung und ev. Neubewertung der Risiken gegenüber dem Aufsichtsrat heranwagen. Ob die neue Risikobewertung für das Milliardenprojekt Stuttgart 21 bereits in dem für September angekündigten Gutachten enthalten ist, ist fraglich. Der Aufsichtsrat will nach offizieller Darstellung keine erneute Kostenexplosion bei Stuttgart 21. Bahnintern wird damit gerechnet, dass die Zahlen nach Antritt des neuen Bahnvorstandes erneut nach oben gehen werden. Sprich, das eigenwirtschaftliche Milliardenprojekt Stuttgart 21 entwickelt sich für die DB AG zum „Fass ohne Boden“.

Der Versuch der Projektgesellschaft, „Kapital“ aus dem aktuellen Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes zum Mitfinanzierung von Bahnprojekten zu schlagen (StZ), schlug fehl. Nach einem Bericht der Stuttgarter Zeitung (hier) zeigen die Projektpartner Land und Stadt der „Bahn bei Mehrkosten die kalte Schulter“. Nach Einschätzung des Bahnpolitischen Sprechers der Grünen Matthias Gastel gegenüber SWR4 (hier) wird Stuttgart 21  „auch nach der Aufsichtsratssitzung vom vergangenen Mittwoch weiter die Bahn AG belasten…  S 21 sei günstig gerechnet worden, um politische Mehrheiten zu sichern. Das Projekt laste wie Blei auf der Deutschen Bahn und sei auch deren finanzielles Risiko.“

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