Gespräch mit der Bahn und dem Immissionsschutzbeauftragten wegen der Staubbelastung durch S21-Tunnelbau

Die stinkenden Sprengstaubwolken an den S21-Zwischenangriffen sind weiterhin für viele Anwohner ein Thema. Daher fand auf Einladung der städtischen Bürgerbeauftragten Alice Kaiser gestern ein rund zweistündiges Gespräch zwischen Vertretern der Netzwerke und der Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm GmbH (PSU) sowie dem Immissionsschutzbeauftragten für Staub und Luftschadstoffe, Dr. Achim Lohmeyer, statt. Besprochen wurde die Staubbelastung im Kernerviertel, am Wartberg und Dornbusch sowie in Wangen durch die Sprengungen im Tunnelbau mit folgenden Informationen, die wir unkommentiert in Form eines Protokolls wiedergeben möchten:

  1. Kernerviertel / Rettungszufahrt Süd

Der Immissionsschutzbeauftragte Dr. Lohmeyer räumte im Gespräch ein, dass es bei den Sprengungen im Kernerviertel „affenartig“ gestaubt hat. Allerdings seien alle von ihm vorgeschlagenen und nach seiner Einschätzung auch machbaren staubmindernden Maßnahmen von der Bahn umgesetzt worden. Diese seien auch im Bericht der Bürgerbeauftragten an den Bezirksbeirat Mitte und dem Schreiben des EBAs an das Netzwerk Kernerviertel aufgelistet und umfassen folgende Maßnahmen:

  • So muss der Staub, der beim Bohren der bis zu 1,5 Meter tiefen Sprenglöcher entsteht, durch Abdeckungen mit „Glocken“ sofort abgesaugt werden, damit die Staubbelastung im Tunnel vor den Sprengungen möglichst niedrig gehalten wird.
  • Nach der Sprengung wird dem Staub Zeit gegeben sich zu setzen, bevor die Luft nach Außen geblasen wird.
  • Wegen der quellfähigen, anhydritführenden Tunnelabschnitte wird am Tunnelboden statt Wasser Calziumclorid aufgebracht, um den Staub dort zu binden.
  • Nur in den ersten zwei bis dreihundert Meter des Tunnels hinter der Rettungszufahrt kann im nicht quellfähigen Gestein mit acht hintereinander installierten Düsenbögen zur Wasserbenebelung gegen die Staubwolken vorgegangen werden. Wenn zuviel Wasser dabei eingesetzt wird, schreitet jedoch die Stadt Stuttgart wegen der Wassertrübung ein, die in das Abwasser gelangt.
  • Das abgesprengte Material wird jetzt in Muldenkippern mit größeren Fassungsvolumen zum Steinbrecher transportiert, um auch hier Staubwolken zu vermeiden. Die Steinbrecheranlage sei ebenfalls mit einer Wasserberegnungsanlage ausgestattet.

Trotz dieser Maßnahmen können nach Einschätzung des Immissionsschutzbeauftragten Sprengstaubwolken, wie sie im Sommer ausgetreten sind, nicht verhindert werden. Die Anwohner des Kernerviertels müssten wegen des noch andauerenden Tunnelbaus mit weiteren Staubwolken rechnen. Die Staubwolken würden vorwiegend jedoch nicht den für die Lungen gefährlichen Feinstaub, sondern Grobstaub ab einer Korngröße von 2,5 µm aufwärts, enthalten.

Aufgrund der zahlreichen Beschwerden der Anwohner und der Eltern am nahgelegenen Spielplatz seien weitere Messungen erfolgt bzw. werden noch durchgeführt:

  • Bei einer aus seiner Sicht repäsentativen Sprengung wurde die Ammoniakbelastung in der Rettungszufahrt hinter den Wasserdüsen gemessen. Die Werte lägen jedoch unterhalb der Anhaltswerte für Kleinkinder und ältere Menschen. Wir haben darüber berichtet. Eine Gesundheitsgefahr würde von dem gemessenen Ammoniakgehalt nicht ausgehen; die Geruchsbelastung sei jedoch lästig.
  • Nach Abstimmung mit der Stadt und den Umweltbehörden wird am Spielplatz eine weitere Feinstaubmessstelle im Zentrum Stuttgarts eingerichtet und in Betrieb genommen. Bislang erfolgen die Feinstaubmessungen in der Stuttgarter Innenstadt an den Messstellen am Neckartor, am Hauptbahnhof und am Schwabenzentrum. Der Feinstaub soll auch nach der Verursachung (Straßenverkehr/ Baustellenbetrieb) ausgewertet werden.
  • Auf dem Schallschutzdach der Rettungszufahrt wird eine 10 Meter hohe Windmesstation errichtet, um auch diesen Faktor in die Auswertungen miteinzubeziehen.

Kritisiert wurde von den Vertretern des Netzwerks Kernerviertel erneut, dass die Staubmessstelle 13 direkt über der Rettungszufahrt für ein Jahr zwischen Juni 2015 bis Mai 2016 außer Betrieb genommen und an den Nordkopf verlagert wurde. Daher sei das im Gespräch gezeigte Schaubild über die in diesem Zeitraum gemessene Staubbelastung nicht ausagekräftig.

Seit Juni 2016 ist diese Messstelle wieder in Betrieb genommen. Die seither gemessenen Monatswerte hatte der Immissionsschutzbeauftragte allerdings im Gespräch nicht dabei, wird sie aber dem Netzwerk über die Bürgerbeauftragte elektronisch zur Verfügung stellen. Das Netzwerk wies daraufhin, dass nach dem ursprünglichen Staubmesskonzept die Messwerte zumindest halbjährlich veröffentlicht werden sollten. Eine monatliche Veröffentlichung der Messwerte im Internet oder eine Veröffentlichung pro Quartal wäre mit Blick auf weiterhin anhaltende Anwohnerbeschwerden sinnvoll.

2. Wartberg und Dornbusch / Zwischenangriff Prag

Eine Vertreterin des Netzwerks Killesberg und Umgebung schilderte die Beeintächtigungen, die die Anwohner des Wartebergs ausgesetzt seien. Weiterhin treten immer wieder am ZA Prag stinkende Staubwolken aus, die nach ihren Erfahrungen die Schleimhäute reizen würden. Der Geruch würde sich nach Schilderungen der Nachbarn am Wartberg teilweise auch in den Häusern festsetzen. Auch sei in den letzten Tagen von einigen Anwohnern ein Brandgeruch festgestellt worden.

Dr. Lohmeyer konnte diese Geruchsbelastungen nicht dem Tunnelbau zurechnen. Die Ammoniakmessung, die der TÜV SÜD bei einer Sprengung in der Rettungszufahrt durchgeführt hat, sei auch für den Feuerbacher Tunnel repräsentativ. Eine weitere Ammoniakmessung daher nicht erforderlich. Allerdings sei nach den Anwohnerbeschwerden seit 1.Oktober die Staubmesstelle 4 von der Baulogistikstraße hin zum Dornbuschweg verlagert worden. Der Dornbusch sei gegenüber dem Wartberg aufgrund der Windrichtung mehr belastet. Von daher seien dort ggf. höhere Staubmesswerte als am Wartberg zu erwarten. Die Messwerte würden dem Netzwerk Killesberg bereitgestellt werden.

3. Wangen / Zwischenangriff Ulmer Straße

Die Vertreterin des Netzwerks Wangen schilderte, dass  sich bei ihr Anwohner über eine vom Zwischenangriff Ulmerstraße herziehende Staubwolke klagen würden. Dies würde vor allem nachts auftreten. Allerdings seien diese Staubwolken wegen der Lichtverhältnisse nur schwer fotografier- bzw. filmbar. Sie hätte jedoch auch Fotos von einer Staubwolke bekommen, die von Untertürkheim aus gemacht wurden.

Laut Aussage von Dr. Lohmeyer ist jedoch keine Staubmesstelle in Wangen nach dem Planfeststellungsbeschluss 1.6a vorgesehen. Das Staubmesskonzept sei nach der Planfeststellung bei Stuttgart 21 der Bahn ausschließlich in der Innenstadt auferlegt worden. Die Vertreter der Bahn erklärten, dass sich bisher auch nur ein einziger Anwohner über die Staubbelastung am ZA Ulmer Straße bei der Bauinfo und der Stadt Stuttgart beschwert hätte. Daher bestünde bislang aus ihrer Sicht auch kein Handlungsbedarf auf Staubmessungen und Auflagen gegenüber den Baufirmen. Die Baustelle sei zudem vergleichsweise wenig von Staub belastet. Der Zwischenangriff Ulmer Straße sei mit den vier Tunnelröhren, dem tiefen Schacht von der Örtlichkeit und der Entfernung zur Wohnbebauung mit der Rettungszufahrt im Kernerviertel nicht vergleichbar. Staub würde beim ZA Ulmer Straße lediglich beim Betrieb des Portalkrans mit dem Aushub entstehen, der jedoch mit Sprühnebel reduziert würde.

Falls die Staubwolken wieder auftreten würden, sollten die Anwohner sich die Zeit notieren und bei der Bauinfo und der Stadt beschweren. Am besten mit Fotos und Filmen, die die Staubbelastung belegen würden. Nur mehrfache Beschwerden gäben eine Handhabe, tätig zu werden, ergänzte die Bürgerbeauftragte Alice Kaiser. Das Netzwerk Wangen sicherte zu, die bereits vorliegenden Fotos von der Staubwolke an die PSU zu schicken.

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